Hintergründe

Das Wer, das Wie und das Warum

Neben der Faszination an der Beobachtung und der Abbildung anderer Spezies stellt sich für mich stets die Frage nach der Position des Menschen. Was tun wir, wie betrachten wir, wie definieren wir unsere Verbindung zu dem Ökosystem, dessen Teil wir sind, hier und jetzt, im 21. Jahrhundert, in der westlich geprägten Welt oder anderswo. Wie leben wir, wie definieren wir Heimat oder gerade Heimatlosigkeit, was verbindet uns in unserer Existenz mit einer anderen Spezies.


In meiner Arbeit verwende ich hauptsächlich Stickerei, Zeichnung in Kugelschreiber, Bleistift und Tusche, zudem Aquarell. Kombiniert ergänzen sich diese Techniken für mich ideal. Handstickerei ist ein zeitintensives Medium, das viel Geduld erfordert. Man kann nur Stich für Stich arbeiten und falls etwas schiefgeht, muss man den Fehler aufziehen und von Neuem beginnen. Die Konzentration auf "den nächsten Schritt" ist ein wichtiges Element der Arbeit. Manchmal verlangt das Konzept jedoch eine spontanere, explosivere Herangehensweise.

Schon auf der Kunstakademie kamen Stickereien in einigen Projekten wegen ihrer Konnotationen zum Einsatz: die langsame, meditative Arbeitsweise, "craft vs. art", Handarbeit als traditionell weibliche Beschäftigung etc.. Stickerei und Zeichnung haben viel gemein. Wie der Strich kann auch der Stich eine Richtung angeben. Über eine breitere Fläche deutet sich Volumen an. Auch Schraffuren sind mit Nadel und Faden möglich, allerdings sollte man vorausschauend arbeiten, was Länge, Dicke und Farbe des Stichs angeht. 

2013, während eines Arbeitsaufenthaltes bei der Stiftung Penduka in Katutura, dem weitläufigen Township von Windhoek (Namibia), erhielten meine Zeichnungen und Stickereien eine neue Perspektive. Neben diversen anderen Initiativen bietet Penduka unterprivilegierten Frauen in den ländlichen Gegenden die Möglichkeit, ihr eigenes Geld zu verdienen, indem sie Stoffe mit Abbildungen des Dorflebens besticken. Jedes Element - ob Feuerstelle, Nutztier, Krug oder inoffizielles Taxi - ist Teil eines visuellen Alphabets, vergleichbar dem Emoji in den Sozialen Medien. Angesichts der reich bestickten Tischdecken eröffneten sich neue Betrachtungsweisen für meine eigene Arbeit  Durch die Konzentration auf Natur und Tierportraits entwickelte sich mit der Zeit ein eigener leiser Aktivismus.

Auch in unseren Breitengraden ist die Handarbeit als dekorativer Ausdruck und traditionelle Ausschmückung bekannt, beispielsweise von Tischwäsche, Kleidungsstücken oder Tüchern. Ich bin mir dieser Traditionen bewusst, allerdings möchte ich die Möglichkeiten des Mediums Stickerei erweitern. Genauigkeit in der Beobachtung und Sorgfalt in der Ausführung sind nicht nur Nebeneffekt, sondern wichtiger Teil des Konzepts. Die Frage "Kunst oder Kunsthandwerk" wird mir häufig gestellt. Ich möchte mich für keine der beiden Schubladen entscheiden; in meiner Arbeit sind die Übergänge fließend.